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Christian
Moritz: Deine
musikalische Arbeit ist sehr breit gefächert. Als konzertierender
Gitarrist beschränkst Du Dich nicht auf die Wiedergabe des vorhanden
Repertoires, sondern bereicherst dieses durch eigene Kompositionen,
Transkriptionen und Bearbeitungen. Darüber hinaus
bist Du Dozent am Mozarteum, unternimmst Ausflüge in die populäre
Musik und bist als Radiomoderator aktiv. Wie schaffst Du das alles? Hast
Du nicht manchmal den Wunsch Deine ganze Energie nur auf eine Sache zu
konzentrieren?
Helmut
Jasbar: Ich habe keine Familie, d.h. keine Kinder, die ja
sehr zeitintensiv sind - Für mich haben die erwähnten Betätigungen
(bezahlte) ausgleichenden Charakter. Ich mag es, zu moderieren, es ist für
mich eine Form von Urlaub. - einfacher als ein gutes Konzert zu spielen.
Darüber hinaus brauche ich einen intellektuellen Ausgleich zum
Gitarrespiel.
Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass für
mich allzu einseitige Beschäftigung kontraproduktiv wird, d.h. anstatt
ein besserer Musiker zu werden, verschlechtere ich meine Leistungen.
(wir wissen von so vielen Musikern, die unter physiologischen und/oder
psychischen Problemen leiden, weil sie sich selbst zu sehr als
„Roboter“ ihres Instruments behandelt haben... meine nicht
gitarristische Arbeit hilft mir, einen objektiven Blick auf die Gitarre
zu bewahren und den notwendigen Abstand um meine Entwicklung nicht zu
blockieren.
Die Kompositionen bzw. Transkriptionen hingegen
sind Teil meiner Arbeit. Ich begreife mich als Zeitgenosse und - unter 7
Anführungszeichen - als "““““““Künstler"““““““,
ich möchte gerne einen Beitrag zur Entwicklung der akustischen Gitarre
leisten.
C.
M.: In
der Presse wirst Du gerne als "Paradiesvogel" bezeichnet.
Pflegst bzw. magst Du dieses Image?
H.
J.: Also ehrlicherweise gesagt bin ich mir nicht
sicher, was damit gemeint ist. Ich glaube aber, dass es relativ leicht
ist unter Klassischen Geria -äh-
Gitarristen als "Paradiesvogel" zu gelten, denn - Hand aufs
Herz - das ist ja ein liebenswertes, aber auch sehr schrulliges,
verstaubtes Völkchen... ;-)
Zusammenfassend: ich betrachte diese Bezeichnung
als Kompliment, aber auch etwas zu hoch gegriffen.
C.
M.: Du hast ganz
hervorragende Bearbeitungen von Stücken wie "Mercy, Mercy, Mercy"
von Joe Zawinul oder Message in a Bottle" von Sting geschaffen. Wie
entstehen Deine Bearbeitungen, was ist Dir dabei besonders wichtig?
H.
J.: Ganz einfach: jede Bearbeitung soll als
"echter Jasbar" kenntlich sein. Mein Vorbild hierzu sind
sicher die Bearbeitungen großer Komponisten durch andere große
Komponisten, die ihre Handschrift in den Bearbeitungen niemals
verleugneten. (F. Liszt, M. Ravel, F. Busoni, I. Strawinsky u.v.a.m.).
Auch meine Transkriptionen sind vielmehr "Nachdichtungen" oder
"Übersetzungen".
C.
M.: Kommen
wir auf Deine CDs zu sprechen. Auch diese spiegeln den Facettenreichtum
Deiner musikalischen Arbeit wieder. Deine erste CD "Helmut Jasbar
Live at the Havana Guitar Festival" ist ein Livemitschnitt eines
Konzerts von 1992. Hier stellst Du Deine eigenen Werke "Three
American Graffiti", "No, I Never Wrote a Suite (Moments of
Wanderlust)" und Deine Bearbeitung von "Mercy, Mercy, Mercy"
vor. Auf der CD kann man sich nicht nur von Deinen musikalischen Fähigkeiten
überzeugen. Die Aufnahme gibt auch die Live-Atmosphäre, die knisternde
Spannung und die Begeisterung Deiner Zuhörer wieder. Wie hast Du dieses
Konzert erlebt?
H.
J.: Ein einsamer Höhepunkt. ein Konzert bei dem alles
"gepasst" hat. Zudem meine Nase, auf eigene Rechnung einen
Techniker mitzunehmen um dieses Konzert aufzunehmen (!). (Es war ja
nicht vorhersehbar, das es der Mühe wert sein würde, dieses Konzert
aufzuzeichnen.)
C.
M.: Würdest Du
das Konzert in Havanna als Deinen Durchbruch bezeichnen?
H.
J.: Ja.
C.
M.: 1993
hast Du dann eine CD veröffentlicht die sich ganz dem Schaffen J. S.
Bachs widmet. Auch hier bekommt man nicht das typische Repertoire,
sondern von Dir angefertigte Transkriptionen der Cembalo-Tocatten BWV
916, 914 und 912 sowie einer Bachschen Cembalo-Bearbeitung des Adagios
von Benedetto Marcello, zu hören. Warum hast Du Dich für diese Stücke
entschieden? Was fasziniert Dich an diesen Werken?
H.
J.: Dazu sollte man anmerken, dass ich mich damals,
Mitte zwanzig, nicht so für die folkloristische/spanische Seite der
Gitarre interessiert habe. Meine Idee von Gitarrespiel war
McLaughlin/Zappa/Hendrix und diese (spanische) Musik übelster Schwulst.
Segovia? Würg!
Daher versuchte ich ein Repertoire aufzubauen, dass
sich abseits des Gitarrenkitsches bewegt, nicht zuletzt auch
inspiriert durch meinen Lehrer Hubert Käppel.
Mittlerweile habe ich natürlich gelernt, diese
strenge Haltung zu mildern und beginne, für mich selbst das Repertoire
neu zu entdecken und auch öffentlich zu spielen, hin und wieder ist
sogar was spanisches drunter, liegt mir aber nicht so sehr. Auch darin
steckt wieder ein gehöriger Schuss Opposition, oder genauer gesagt
antizyklisches Verhalten. Wenn alle Gitarristen nur mehr
"Gimmicks" a lá Dyens/Domeniconi spielen, dann wird es Zeit für
Diabelli, ironisch gesprochen. Frei nach dem Motto: Ein Instrument, dass
seine Vergangenheit vergisst, hat auch keine Zukunft.
C.
M.:
Deine dritte CD "Wahnsinnige Sehnsucht" ist 1997 erschienen.
Auf dieser hast Du mit dem "Jasbar Consort" Stücke und
Bearbeitungen von Mertz, Schubert und dir selbst eingespielt. Moderne
Tonsprache trifft auf Musik der Romantik. Neben solistischer
Gitarrenmusik und Liedern ist auch Klaviermusik von Dir zu hören. Was
hat Dich zu diesem Projekt inspiriert?
H.
J.: Ein Scherz. Ich erfand für eine Radiosendung eine
kleine Geschichte über einen Arzt der zu seinem Patienten sagt:
"Lieber Herr, sie leiden an einer akuten Form von
"Wahnsinniger Sehnsucht", ich empfehle ihnen eine Weilchen
Abstinenz von Wiener Romantik, insbesondere Schubert. Betreiben sie ein
bisschen Sport, gehen sie unter Leute. - sonst schreiben sie am Ende
noch Gedichte".
Diese Moderation hat mir im verstockten Hörerkreis
des Senders Ärger von empörten Hörern und "Dichtern"
eingebracht. Aber: "Wahnsinnige Sehnsucht" als Krankheit der
Romantik, das hat was...
So beschloss ich, eine Art Konzeptalbum (wie es in
der Popmusik üblich ist) zu machen, das mit der Gefühlswelt des 19.
Jahrhunderts spielt.
C.
M.: Auf
allen CDs spielst Du eine Gitarre von Kolya Panhuyzen. Verwendest Du ausschließlich
dieses Instrument?
H.
J.: Kolya ist ein hervorragender Gitarrenbauer und ein
ganz lieber Freund. Sein Gitarrensound ist ideal für mich. Ich spiele
monogam seit 1989 seine Gitarren. Früher eine Fichte, jetzt eine Zeder
aus dem Jahre 1998.
C.
M.: Du hast in Köln
bei Hubert Käppel studiert. Wie wichtig war diese Zeit für Dich?
H.
J.: Na ja. Hatte grade eine Phase der Desorientierung
und war wohl ein wenig lustlos. Was ich lernen wollte, habe ich mir in
den zwei Jahren zuvor bei Meisterkursen von Hubert Käppel angeeignet.
Als ich dann endlich (!) in seine Klasse kam, bemerkte ich, wie
verschieden wir beide sind und dass ich mich in eine andere Richtung
entwickeln sollte.
C.
M.: Hubert Käppel
wird von vielen als gnadenloser Schleifer charakterisiert. Ist das nur
ein Gerücht oder hast Du ihn auch so erlebt?
H.
J.: Ich frage mich, wer solche Gerüchte in die Welt
setzt. Aber eines kann ich sagen: Er hält mit seiner Meinung über den
Studenten nicht hinter dem Berg und schleimt dich niemals voll, nur
damit er dich als Schüler halten kann!
Eine unschätzbare Qualität - in Zeiten der
gitarristischen Inzucht. Er ist sicherlich kein leicht zu handhabender
Mensch, aber das bin ich auch nicht. Vielleicht deshalb habe mich immer
gut mit ihm verstanden. Wir sind so verschieden wie Tag und Nacht, das
hat vielleicht den gegenseitigen hohen Respekt vor der Persönlichkeit
des anderen ermöglicht.
C.
M.: Als Dozent
am Mozarteum und auf Meisterkursen bist Du selbst pädagogisch tätig.
Was ist Dir bei dieser Arbeit wichtig, bzw. was möchtest Du Deinen Schülern
mit auf den Weg geben?
H.
J.: Augen und Ohren offen halten. Lesen. Die Rolle des
Musikers in der Gesellschaft (auch als "Beschöniger") zu
hinterfragen. Verantwortung zu übernehmen für seine Tätigkeit. Auch
ein bisschen die Augen und Ohren offen zu halten, wie man ein Publikum für
die Gitarre interessieren könnte und nicht zuletzt: Begeisterung und
Liebe für das Mysterium "Musik".
C.
M.: Wie man auf
"Wahnsinnige Sehnsucht" bereits hören konnte komponierst Du
nicht nur für die Gitarre. Hat Helmut Jasbar neben der Gitarre ein
ausgesprochenes Lieblingsinstrument?
H.
J.: Mein aktuelles Interesse gilt dem Klavier und dem
Streichquartett.
C.
M.: Zunehmend
werden Deine Werke und Bearbeitungen auch von andern Gitarristen
interpretiert. Als Komponist kann man sich darüber eigentlich nur
freuen. Ist es nicht trotzdem manchmal schwer sich von seinen Werken zu
lösen, wenn diese Beispielsweise ganz anders interpretiert werden als
man es selbst tun würde?
H.
J.: Nein, ich gebe die Stücke leicht aus der Hand und
hoffe immer, dass gute Musiker ihre Kreativität einbringen. Sehr gern
habe ich es, wenn ich zu Rate gezogen werde und dieses oder jenes in
meinen Stücken diskutieren kann. Der Komponist ist nichts ohne einen
guten Interpreten. Da lerne ich sehr viel dabei.
C.
M.: Du bist auch
als Radiomoderator aktiv. Welche Inhalte haben Deine Sendungen?
H.
J.: Musik aus allen Bereichen & Zeiten, mit eher
feuilletonartigen, leicht ironischen Kommentaren, im Übrigen strikt
getrennt von meiner Tätigkeit als Gitarrist. D.h. Keine eigenen CDs und
nur selten Gitarrenmusik in meinen Sendungen.
C.
M.: Womit bist
Du zur Zeit beschäftigt? Darf man sich auf neue Veröffentlichungen
freuen?
H.
J.: Mein Ensemble "Jasbar Consort", das aus
7 Musikern besteht wird im Dezember ein europaweit ausgestrahltes
Konzert mit meiner Musik (alles Uraufführungen) bestreiten - und ca.
100 000 000 andere Sachen. CDs wird's auch bald wieder welche geben.
Weitere Informationen:
http://www.spinnst.at/Gitarre/Jasbar/
CDs von Helmut Jasbar:
"Live at the Havanna
Guitar Festival"

"Bach - Transcribed
for Guitar and performed by
Helmut Jasbar"

"Wahnsinnige
Sehnsucht - Jasbar Consort"

Erschienen bei www.extraplatte.at |