Christian Moritz: Du stammst aus einer Musikerfamilie?
Johannes Tonio Kreusch:
In meiner Kindheit war Musik immer um mich herum.
Meine Mutter ist Konzertpianistin und hat
verstärkt im Bereich der Zeitgenössischen Musik gearbeitet. Heute
widmet Sie sich ausschließlich der Musikpädagogik, schreibt Bücher,
komponiert neue Kinderlieder und macht CD-Produktionen für Kinder.
Was mein Bruder, der heute Jazz-Pianist ist, und
ich schon früh vermittelt bekommen haben, war ein freies,
experimentelles Herangehen an die Musik. Bei uns hat nie der "du
musst aber heute noch üben" Satz geherrscht. Im Gegenteil, es war
nie ein Zwang oder Druck da.
So haben wir beide unsere ersten musikalischen
Erfahrungen gesammelt, indem wir auf unseren selbstgebauten Instrumenten
unsere eigene Musik gemacht haben.
Heute haben wir unsere eigene Produktionsfirma
"Kreusch Music GbR" und unseren eigenen Musikverlag "Kreusch
Bros. Publishing GbR". Wir gehen also auch beruflich oft gemeinsame
Wege, indem wir gemeinsam Produktionen machen, komponieren oder zusammen
konzertieren.
C. M.: Wann hast
Du begonnen, Dich für die Gitarre zu interessieren?
J. T. K.: Ich hatte,
bevor ich die Gitarre entdeckt habe, viele verschiedene Instrumente
ausprobiert und gespielt, so erst Klavier, dann Klarinette und Saxophon.
Ich kann gar nicht genau sagen wieso, aber ab einem gewissen Zeitpunkt
kam in mir der Wunsch nach Gitarre auf.
Ich hatte eigentlich kein Initiationserlebnis,
dass ich z.B. jemanden spielen hörte und dann sofort auch Gitarre
spielen wollte. Es war auf einmal, als ich 10 oder 11 Jahre alt war, der
Wunsch nach diesem Instrument da. Das bestärkt mich in der Annahme,
dass das richtige Instrument zu einem selbst kommt, man muss nur offen
dafür sein! Ich habe dann wie viele andere auch nicht gleich zur
klassischen Gitarrenmusik gefunden. Erst als ich das erste Mal ein
Bach-Stück auf der Gitarre gehört habe, war ich wie verzaubert und da
hat es dann angefangen...
C. M.: Du
hast vor dem Musikstudium Philosophie studiert. Hat das einen Einfluss
auf den Interpreten bzw. die Musikerpersönlichkeit Johannes Tonio
Kreusch?
J. T. K.: Als
künstlerisch tätiger Mensch ist man sicher noch einmal besonders
gefordert sich mit den existentiellen Fragen der menschlichen Existenz
zu konfrontieren. So war es für mich eine Notwendigkeit, besonders, da
ich das Musikstudium als sehr einseitig empfand, meine Suche in Form des
Philosophiestudiums zu erweitern. Künstler zu sein - und eigentlich
gilt dies für jeden Beruf - heißt ja unbedingt auch zu zweifeln,
Fragen zu stellen und als Verantwortung tragende Persönlichkeit zu
wirken. Es ist für mich unverständlich, dass die meisten Studien immer
mehr in Richtung einseitiges Spezialistentum gehen und damit
traurigerweise das Denken in eine gewisse Richtung ausgeschaltet wird.
Ich nehme mir für meine Arbeit einen Spruch von
Paul Celan besonders zu Herzen:
" Die Kunst erweitern? Nein, sondern geh mit
der Kunst in Deine allereigenste Enge und setze Dich frei."
C. M.: Du
hast bei dem Kubaner Joaqín Clerch studiert. Hat er das Interesse für
Kuba und die kubanische Musik in Dir geweckt?
J. T. K.: Unbedingt!
Joaquín war für mich eine sehr wichtige Bezugsperson während meiner
Salzburger Zeit! Er hat in mir die Liebe zu Kuba geweckt und hat mich
auch das erste Mal mit nach Havanna genommen. Ich werde nie vergessen,
wie er mit einem Wort die ganze kubanische Lebensanschauung
repräsentieren konnte: "paciencia“!
C. M.: Mit
Deiner CD "Portraits of Cuba" stellst Du den Komponisten Tulio
Peramo vor. Wie kam der Kontakt zu ihm zustande?
J. T. K.: 1994 bin
ich Tulio Peramo während des Gitarrenfestivals in Havanna zum ersten
Mal begegnet. Auf meinen Konzertreisen versuche ich immer, die
Musikszene des Landes zu erkunden und die dort lebenden Komponisten zu
treffen. Dabei begegnen einem immer wieder spannende Persönlichkeiten,
deren Arbeit es zu entdecken und bekannt zu machen gilt.
1994, als damals 23-jähriger, fühlte ich mich
natürlich sehr geehrt, als Tulio mich nach meinem Konzert fragte, ob
ich im darauffolgenden Jahr die revidierte Fassung seines ersten
Gitarrenkonzertes „Tientos y Cantos“ premieren wolle. Seit dieser
Zeit arbeiten wir sehr intensiv zusammen und sind über die Jahre auch
gute Freunde geworden.
Das erste Stück, welches er mir widmete, war das
Gitarrenkonzert „Tres Imágenes Cubanas“, das in der Fassung für
Streichquartett auf der CD zu hören ist und welches ich auf Einladung
von Brouwer beim Gitarrenfestival in Havanna 1998 uraufgeführt habe.
Als Herzstück unserer Zusammenarbeit empfinde ich aber den Liedzyklus
„Aires de la Tierra“. Tulio schrieb diesen Zyklus für das Konzert,
welches ich mit der New Yorker Mezzosopranistin Nan-Maro Babakahnian in
der Carnegie Recital Hall im März 1999 gegeben habe. Es ist ein sehr
persönliches Werk des erst als Sänger ausgebildeten Komponisten.
C. M.: Was
ist das besondere an seiner Musik?
C. M.: Gab
es einem Austausch beim Schaffensprozess, oder kennt Tulio Peramo die
Gitarre so gut das er Anregungen - z.B. in Bezug auf Spielbarkeit -
nicht benötigt hat?
J. T. K.: Tulio
versucht mir immer zu beweisen, dass er Gitarre spielen kann, indem er
mir die ersten drei Töne von "Elogio de la Danza" vorspielt!
Es ist mir um so mehr ein Rätsel, wie man so gut
für Gitarre komponieren kann, ohne das Instrument spielen zu können.
Wenn ich mit Komponisten zusammenarbeite, so ist es mir sehr wichtig
auch Anregungen, Spieltechniken, programmatische und kompositorische
Ideen miteinbringen zu dürfen. So ergibt sich ein gemeinsamer Schaffensprozess in dem beide aktiv am Entstehen des Werkes beteiligt
sind.
Gerade für Komponisten, welche die Gitarre selbst
nicht spielen, ist es wichtig, den Interpreten als aktiven Begleiter
während der Entstehung der Komposition an seiner Seite zu wissen.
Wenn ich einen Komponisten kennen lerne, dessen
Musik mich berührt, so versuche ich auch herauszuspüren, was die
Stärken, die Besonderheiten und was die schwachen Seiten dieses
Menschen sind. Genauso fordere ich von dem Komponisten, sich mit den
Schwächen und Stärken meines Spiels auseinander zu setzen und damit
gemeinsam zu etwas Neuem zu finden. Es soll ja ein Werk entstehen, mit
welchem sich beide identifizieren können!
C. M.: Sind
die Werke auch als Notenausgaben erschienen?
J. T. K.: Tulio
Peramo´s Werke sind in dem Musikverlag meines Bruders und mir als
Edition veröffentlicht und können über folgende Adresse bestellt
werden:
kreuschbros@blackmudsound.com
oder per fax: 089/66009277
oder per Post
Hermann-Lönsstr. 8
85521 Ottobrunn
C. M.: Später
hast Du in New York bei Sharon Isbin studiert. Was für einen Einfluss
hat sie auf Dich gehabt? Gab es besondere Schwerpunkte in Ihrem
Unterricht?
J. T. K.: Nach
meinem Abschluss in Salzburg war mein großer Wunsch, endlich in eine
neue Welt einzutauchen und so wollte ich immer schon nach New York.
Besonders wichtig waren mir dabei die Möglichkeiten im Jazz und die
sehr gute Ausbildungsmöglichkeiten an der Juilliard School of Music.
Sharon war als Lehrerin sicher ein wichtiger Entwicklungsschritt für
mich - auch wenn ich momentan eine ganz andere Herangehensweise an die
Musik habe. Sie hat extrem viel Erfahrung mit neuer Musik und mit dem
kammermusikalischen Arbeiten. Da gab es einiges mitzunehmen. Wichtig war
sicher auch, dass die Gitarrenklasse an Juilliard sehr klein ist und man
somit immer intensiv arbeiten, vorspielen und mit Studenten anderer
Klassen Projekte verwirklichen musste.
C. M.: Zum
Abschluss des Studiums hast Du ein Programm gespielt, welches Du später
auch auf CD aufgenommen hast. Die
Etüden von Heitor Villa Lobos und die "Sonata for Guitar
OP.47" von Alberto Ginastera. Bei den Etüden von Villa-Lobos hast
Du das Manuskript des Komponisten aus dem Jahre 1928 zu Rate gezogen.
Gab es dadurch entscheidende Veränderungen in Bezug auf die
Interpretation?
J. T. K.: Es ist
mir ein unergründliches Rätsel, wie es sein kann, dass ein so
zentrales Werk wie die Etüden von Villa-Lobos durch so lausige
Notenausgaben wie alle zur Zeit existierenden Ausgaben repräsentiert
wird. Wenn man die Originale in der Hand hält, dann ist dies wie eine
Offenbarung. Nicht nur, dass auf einmal die ganzen Druckfehler deutlich
werden (Akkorde bekommen auf einmal ganz neue Bedeutungen,
Melodiebewegungen werden klarer, ...) es ist auch erstaunlich zu sehen,
welch´ unglaublich schöne und genaue Handschrift Villa-Lobos hatte. So
eine perfekte Handschrift kann jeder lesen! Jeder Editor oder
Verlagsmensch. Da gibt es keine Entschuldigung für die Fehler! Es ist
auch unglaublich spannend zu sehen, dass Villa-Lobos solch´ genauen
Fingersatzangaben gemacht hat, dass auch hier die musikalische Intention
unterstrichen und verdeutlicht wird. Neben den kompositorischen
Ergänzungen und Veränderungen zu seinen anderen Manuskripten (man
denke nur an den wunderschönen Zwischenteil in der 10ten Etüde, der
bei Eschig komplett fehlt) ist auch sehr eindrücklich, wie genau
Villa-Lobos` mit seinen Dynamik- oder Agogik- Aufforderungen umgeht.
Die agogischen und dynamischen Hinweise, die so
intensiv von Villa-Lobos verwendet werden, fehlen zu 80 Prozent in den
Ausgaben. Immer wieder kommt die Aufforderung sich zurückzunehmen:
"etwas langsamer", oder "nicht zu schnell" und immer
wieder macht er dadurch deutlich, dass dieses Werk kein Etüdenwerk im
herkömmlichen Sinne ist, welches man in Extremgeschwindigkeit meistern
muss. Es ist vielmehr Musik, welche die impressionistische Idee der
damaligen Zeit beim Namen nennt und den Hörer durch seinen Klangzauber
auf eine Reise in die filigrane Welt der Gitarre trägt.
Bei den Preludien von Villa-Lobos ist die
Fehleranzahl in den Ausgaben übrigens nicht geringer!!!
C. M.: Lebst
Du ausschließlich vom Konzertieren und dem Verkauf Deiner Tonträger
oder übst Du noch andere Tätigkeiten aus?
J. T. K.: Ich lebe
ausschließlich von meiner künstlerischen Tätigkeit. Neben meiner
Studioarbeit und den Konzerten unterrichte ich auch sehr, sehr gerne.
Seit letztem Jahr habe ich einen Lehrauftrag für Gitarre an der
Musikhochschule in München, unterrichte aber auch privat und gebe meine
Kurse.
C. M.: Du
scheinst ja sehr viel in der Welt herum zu reisen. Gefällt Dir dieses
Leben? Erlebst Du das als eine Bereicherung?
J. T. K.: Es gab
eine Zeit, da war für mich das Reisen sehr wichtig. Auf der einen Seite
ist es ja wirklich eine wunderbare Bereicherung, da man fremde Kulturen
kennen lernen kann und spannende Menschen trifft. Aber in letzter Zeit
hat sich meine Einstellung wohl ein wenig gewandelt. Durch das viele
Reisen ist es schwer, bei sich zu bleiben. Man muss sich immer wieder
auf extrem neue Umgebungen einstellen und ist lange weg von zu Hause. Da
stellt sich schon auch die Frage, ob es das ist, was man im Leben
erreichen wollte. Es gibt ja auch irgendwie einen Grund, dass man an
einem bestimmten Ort geboren wurde und dort wohl auch wirken soll. So
habe ich ein wenig das Reisen reduziert. Meine Reisen nach New York sind
dagegen etwas anderes. Das ist wie nach Hause zu kommen. Ich habe dort
zusammen mit meinem Bruder eine Wohnung, viele Freunde und eine
Umgebung, die ich gut kenne.
Wie es der "Zufall" wollte, war ich
leider auch am 11. September dort. Unsere Wohnung ist nur 800 Meter vom
WTC entfernt und so mussten wir alles mit eigenen Augen mitansehen.
Es war eine sehr, sehr schlimme Zeit, die mir
lange noch nachgehen wird. Da merkt man zum ersten Mal als
Wohlstandseuropäer, was es wohl heißen muss, in einem Kriegsgebiet zu
leben, wenn man sich plötzlich nicht mehr frei bewegen kann, wenn man
nur mit Schutzmaske aus dem Haus kommt, wenn kein Geschäft mehr offen
hat, wenn Freunde ihre Verwandten oder ihre Wohnung verlieren und
Zuflucht bei einem suchen, wenn man überhaupt nicht weiß, was der
nächste Tag bringen wird...
C. M.: Auf Deiner zuletzt eingespielten
CD "Inspiracion" hast Du Werke eingespielt, die allesamt einen
gewissen "Hit-Charakter" haben. Sind das die Stücke, die Dich
ursprünglich mal für die Gitarre fasziniert haben?
J. T. K.: Es ist
Musik, die ich schon immer sehr gemocht habe. Das ist auch der Grund,
weshalb ich diese auf einer CD vereinen wollte!
C. M.: Die
Stücke, die Du auf "Inspiracion" eingespielt hast sind von
zwei Eigenkompositionen umrahmt, die einen improvisatorischen Charakter
haben. Welche Rolle spielt die Improvisation für Dich?
J. T. K.: Für mich
ist das Entdecken von Klängen und das improvisatorische Herangehen an
die Musik immer sehr wichtig gewesen - und es wird mir auch immer
wichtiger. In letzter Zeit spiele ich wieder vermehrt improvisatorische
Musik. Ich habe gerade mit dem Trompeter Markus Stockhausen eine CD
eingespielt, die wir jetzt auch in Konzerten vorstellen werden. Dieses
Projekt liegt mir sehr am Herzen, da dies genau die Musikrichtung ist,
zu der ich mich momentan hingezogen fühle!
Auch die Arbeit mit meinem Bruder Cornelius
Claudio Kreusch, die mich mit vielen spannenden Improvisationskünstlern
zusammengebracht hat, inspiriert und bereichert mich sehr!
C. M.: Bei
Deinem neuen Projekt "2World´s1" wird die Improvisierte Musik
im Vordergrund stehen. Kannst Du es ein wenig beschreiben?