GitarreHamburg.de:
Was
für eine Gitarre spielen Sie
zurzeit?
Pepe
Romero: Zurzeit
spiele ich Gitarren von drei
verschiedenen Gitarrenbauern.
Von Edmund Blochinger aus München,
von meinem Sohn….
GitarreHamburg.de:
Ihr
Sohn baut Gitarren?
Pepe
Romero: Mein
Sohn baut hervorragende
Gitarren. Mann könnte sagen im
selben Stil wie Blochinger. Außerdem
spiele ich noch die alte
Rodriguez von meinem Vater, eine
Zwillingsschwester meiner
eigenen Rodriguez.
GitarreHamburg.de:
Haben Sie schon einmal daran
gedacht auf historischen
Gitarren zu spielen?
Pepe
Romero: Ich
habe einige Gitarren von Lacote,
zwei Panormos und einige noch ältere
Gitarren aus Cadiz. Sie sind
alle in einem sehr guten
Zustand.
Aber ich spiele sie nicht
in Konzerten sondern nur privat.
Professionell spiele ich
Instrumente von Torres an aufwärts.
Ich spiele sehr gerne alte
Gitarren von Torres, Hauser und
Santos Hernandez, aber in
Konzerten habe ich bisher immer
die Rodriguez, manchmal meine ältere
Hauser, die Edmund Blochinger
und Instrumente von meinem Sohn
gespielt.
GitarreHamburg.de:
Bevorzugen
Sie eine der Gitarren für
Solokonzerte oder machen Sie
keine Unterschiede zwischen
Konzerten mit einem
Streichorchester und
solistischen Konzerten?
Pepe
Romero: Nein,
gewöhnlich sind meine Tourneen
niemals nur Solorecitals oder
Konzerte mit einem Orchester.
Auf dieser Tour spiele ich
ausnahmsweise nur mit
„I Musici“ zusammen,
außer bei dem letzten Konzert
in Salzburg. Dort spiele ich
gemeinsam mit einem
Streichquartett zwei Werke von
Boccherini. Normalerweise sind
die Tourneen aber ein Gemisch
aus Solo- und
Orchesterkonzerten. Deshalb
nehme ich immer nur eine
Gitarre.
GitarreHamburg.de:
Sie
haben einen hervorragenden, sehr
kräftigen Ton. Auch ohne Verstärkung
war alles sehr gut zu hören.
Pepe
Romero: Ich
mag keine elektrische Verstärkung.
Durch Verstärkung ergibt sich
ein völlig anderer Klang mit
ganz anderen Schattierungen. Die
wahre Schönheit der Gitarre ist
ihr Klang! Wenn man diesen Klang
verändert,
wird der Gitarre ein großer
Teil ihrer Schönheit genommen.
Es gibt wundervolle Gitarren mit
einem durchsetzungsfähigen
Klang, und wenn man spielt und
als Gitarrist
an seinem Ton arbeitet,
dann wird man auch die Fähigkeit
entwickeln, mit einem vollen Ton
zu spielen und damit
hervortreten zu können.
GitarreHamburg.de:
Sie
haben gerade gesagt, dass Sie
einerseits viele Konzerte mit
Streichorchestern geben,
andererseits aber auch
Soloabende bestreiten. Welchen
Repertoireschwerpunkt würden
Sie jungen Studenten empfehlen?
Pepe
Romero: Ich
würde ihnen empfehlen alles zu
studieren, aber dabei
herauszufinden, welches
Repertoire sie gut spielen können.
Wenn du Repertoire auswählst,
das du nicht wirklich schön
spielen kannst, dann gewöhnst
du dich daran nicht schön zu
spielen, während du denkst,
dass du es eigentlich tust. Du
akzeptierst damit, dass dein
Standard sinkt. Ich halte es für
sehr wichtig, dass Musiker das
spielen, was sie wirklich schön
spielen können und gleichzeitig
an einigen Dingen arbeiten, die
eine Herausforderung für sie
darstellen. Man muss den
Unterschied zwischen dem
erkennen,
was man gut spielen kann
und dem, in das man sein Herz,
seinen Ausdruck, seine Liebe
und seine Fantasie hineinlegen
kann und was einen an dem Punkt,
an dem man merkt, dass man es
nicht tun kann dazu antreibt,
mit Übungen, Etüden und mit
der Hilfe seines Lehrers an sich
zu arbeiten.
GitarreHamburg.de:
Unterrichten
Sie zurzeit?
Pepe
Romero: Ja.
Ich glaube es ist wichtig, als
Spieler immer Lehrer und
Studierender zugleich zu sein.
Bis zu dem Tag an dem mein Vater
starb, war ich sein Schüler.
Von diesem Tag an bis heute
arbeite ich immer noch an dem,
was er mich lehrte, so dass sein
Unterricht auch jetzt noch in
mir präsent ist. Das Lernen ist
ein lebenslanger Weg.
Letztes
Jahr habe ich in Lübeck, im
Rahmen des Schleswig Holstein
Musikfestivals, einen
Meisterkurs gegeben, außerdem
unterrichte ich als Gastlehrer
an verschiedenen Universitäten
und auf verschiedenen Festivals.
Ich unterrichte aber nicht so
viel wie früher. Zurzeit bin
ich Honorarprofessor am USC in
Los Angeles, einer Schule an der
ich bereits vor vielen Jahren
unterrichtet habe. Frühere
Studenten von mir - Idole wie
Scott Tennant und Bill
Kanengiser - betreiben jetzt die
Abteilung zusammen mit James
Smith, einem anderen meiner Schüler.
Deshalb bin ich jedes Jahr dort,
um eine Meisterklasse zu
unterrichten.
Aber am aller wichtigsten
ist es mir, die jungen Romeros
zu unterrichten!
GitarreHamburg.de:
Das
ist eine Tradition?
Pepe
Romero: Ja,
sicher! Mein Vater tat es bis zu
seinem Tod und nun führen es
meine Brüder und ich weiter.
GitarreHamburg.de:
Erinnern
Sie sich an die erste
Gitarrenstunde, die Sie von
Ihrem Vater bekamen? War Ihr
Vater Ihr erster Lehrer?
Pepe
Romero: Mein
Vater war mein einziger
Gitarrenlehrer. Ich erinnere
mich nicht an die erste
Gitarrenstunde, weil ich mich
nicht daran erinnere, wann ich
mit dem Spielen begonnen habe.
Solange ich denken kann bin ich
Gitarrist.
Aber
ich kann Ihnen erzählen, was
mein Vater zuletzt zu mir sagte.
Er bat mich, für ihn zu
spielen, wenn er diese Welt
verlassen würde. Als ich auf
die Welt kam, empfing er mich
mit seiner Gitarre. Er spielte
als meine Seele in diese Welt
kam und ich sollte spielen, wenn
seine Seele diese Welt verlassen
würde.
Diese Art zu denken ist
wahrscheinlich der schönste
Unterricht, den man bekommen
kann, denn er lehrt einen das
Wichtigste, was ein Lehrer
seinem Schüler vermitteln kann:
die Musik und die Gitarre zu
lieben, zu ehren und zu achten!
GitarreHamburg.de:
Was
sollte man von einem guten
Lehrer erwarten können?
Pepe
Romero: Ich
denke ein Lehrer muss seinem Schüler
Mut machen, sein Bewusstsein
erweitern und versuchen, alle möglichen
Hindernisse beiseite zu räumen,
damit der Student wie eine Blume
heranwächst und die Musik aus
sich herauslassen kann.
GitarreHamburg.de:
Gab
es manchmal auch anstrengende
Momente in Ihrer Laufbahn, in
denen es Ihnen schwer fiel,
weiter intensiv an sich zu
arbeiten?
Pepe
Romero: Es
war immer eine einzige große
Freude. Mühsam war es nur dann,
wenn mir zu viele Konzerttermine
weniger Zeit zum Üben ließen,
als ich gern gehabt hätte. Ich
liebe es zu üben!
Mein
Vater wurde immer verrückt,
wenn er ein Konzert spielen
sollte, weil ihm diese Zeit für
das Üben fehlte. Er pflegte
dann zu sagen: „Wenn jemals
der Tag kommt an dem ich sterben
muss, dann ist das in Ordnung,
weil ich dann mehr Zeit zum Üben
habe.“
Selbst zwei Wochen bevor
er starb übte er, obwohl er
durch seine Krankheit schon sehr
geschwächt war und eine
Sauerstoffmaske tragen musste.
Er starb an Lungenkrebs und das
Ende von Lungenkrebs ist
wirklich schrecklich.
Mein Vater legte zum Spielen
kurz seine Maske ab und machte
selbst zu diesem Zeitpunkt noch
eine wundervolle Entdeckung. Er
sagte zu mir: „Hör zu und
vergiss dies nicht…!“
Er hatte einen Weg
entdeckt, Villa-Lobos-Glissandi
ganz ohne Nebengeräusche auszuführen.
Selbst am Ende seines
Lebens versuchte er Dinge zu
entdecken, weiterzuentwickeln
und Wege zu finden, um die
Spieltechnik zu verbessern.
GitarreHamburg.de:
Wie
üben Sie?
Pepe
Romero: Wenn
ich genug Zeit habe um so zu üben,
wie ich es mag, dann beschäftige
ich mich als Erstes mit
technischen Übungen und
Tonleitern. Danach spiele ich
leidenschaftlich gern
Repertoire, einfach um der Musik
willen. Dann verfeinere ich Stücke,
indem ich einzelne Passagen
immer und immer wieder spiele.
Dabei reduziere ich das Tempo
und achte zum Beispiel darauf,
alle Lagenwechsel äußerst legato zu spielen. Die
Lagenwechsel werden so sehr präzise
und koordiniert.
Suche
jeden Tag nach deiner schwächsten
Passage und arbeite an ihr, bis
sie zu deiner stärksten wird!
GitarreHamburg.de:
Üben
Sie auch mental, ganz ohne das
Instrument?
Pepe
Romero: Ja,
ich denke man sollte Stücke auf
diese sehr konzentrierte Art und
Weise studieren. Spiele ein Stück
ohne Gitarre durch. Dann spiele
ein Stück auf der Gitarre ohne
dabei zu denken, so dass es eine
rein taktile körperliche
Erinnerung ist. Danach übe rein
visuell, indem du auf die Noten
schaust und dir dabei die
musikalischen Zusammenhänge
vergegenwärtigst, sodass alle
deine Sinne, das visuelle,
auditive und taktile Gedächtnis
immer sowohl unabhängig
voneinander sind, als auch in
einander greifen. Übe sehr
sorgfältig!
GitarreHamburg.de:
Das
nimmt natürlich viel Zeit in
Anspruch.
Pepe
Romero: Ja,
aber man muss sehr sorgfältig
üben, um mit großer
Leidenschaft spielen zu können,
ohne dabei zu denken, nur mit
den Gefühlen.
GitarreHamburg.de:
Umfasst
Ihr Repertoire auch moderne
Musik?
Pepe
Romero: Ja! Letztes Jahr habe ich zwei
wundervolle Konzerte von dem
spanischen Komponisten Lorenzo
Palomo – er lebt in Berlin –
eingespielt. Seine Musik ist
eine Kombination aus einer sehr
zeitgenössischen Tonsprache und
vielen wunderschönen Melodien.
Sehr spanisch, sehr melodiös
aber gleichzeitig atonal.
Darüber hinaus habe ich
ein Solokonzert und ein Konzert
für vier Gitarren von ihm
aufgenommen.
Außerdem werde ich ein
Konzert von Xavier
Montsalvatge – einem
katalonischen Komponisten -
einspielen, das auch sehr
modern, aber wunderschön ist.
Kommenden Juni werde ich mit Sir
Neville Mariner und dem London
Symphonie Orchestra ein Werk des
japanisch-amerikanischen
Komponisten Paul Chihara
aufnehmen. Die Premiere dieses
Stücks spielte ich schon vor
ca. 30 Jahren. Ich mag moderne
Musik, aber ich bin durchaus wählerisch.
GitarreHamburg.de:
Ist
es etwas Besonderes vor
deutschem Publikum zu spielen,
verglichen mit dem Publikum in
Amerika oder dem anderer Länder?
Pepe
Romero: Ich
liebe Menschen und trete überall
gern auf. Ich kann nicht sagen,
dass ich das eine Publikum
lieber mag als das andere. Das
deutsche Publikum ist ein sehr
wundervolles aufmerksames
Publikum und ich fühle mich
immer sehr wohl, wenn ich vor
einem deutschen Publikum auf der
Bühne stehe. Ich habe das Gefühl,
dass die Menschen da sind um Spaß
zu haben, um am Erlebnis eines
echten Konzerts teilzunehmen, um
sich gut zu fühlen, und sich an
der Botschaft und am Erlebnis
der Musik zu freuen. Die
Deutschen sind ein sehr offenes
Publikum, dasselbe kann ich aber
auch über das amerikanische
sagen.
Vor
zwei Wochen spielte ich in
Bogota und wenn wir über
Auftritte sprechen, dies war für
mich ein unglaubliches Erlebnis.
Ich habe noch niemals so viele
Gitarristen in einem Konzert
gesehen. Es war unglaublich, sie
sprangen vor Begeisterung von
ihren Stühlen. So einen
Enthusiasmus wie bei den
Kolumbianern habe ich noch nicht
einmal bei Spaniern gesehen,
obwohl das spanische Publikum
sehr offen zeigt, wenn es ein
Konzert gut findet.
GitarreHamburg.de:
Kennen
Sie das Gefühl der Aufregung?
Sind sie vor Konzerten manchmal
nervös?
Pepe
Romero: Ja,
immer! Aber ich genieße es. Ich
glaube, nervös zu sein ist eine
sehr wichtige Sache, da man ohne
aufgeregt zu sein, hinausgeht
und eine routinierte, unterkühlte
Vorstellung abliefert. Wenn man
ein wenig nervös ist, dann ruft
man die Musen um Hilfe an. Der
einzige Weg die Nervosität
abzuschütteln ist, seine eigene
Persönlichkeit freizugeben, sie
hervortreten zu lassen und sich
damit für eine größere
Erfahrung zu öffnen. Man muss
sich dem höheren Geist der
Musen und der Kraft der Musik
anvertrauen, dann kann man eine
magische Erfahrung machen, die
man nur bei Auftritten erleben
kann.
Das
Interview führten Prof. Bernd
Ahlert, Prof.
Bernard Hebb und
Christian Moritz
Übersetzung:
Ursula Wichmann, Christian
Moritz
Weiter Informationen:
Pepe
Romero – Porträt eines
Weltstars
http://www.peperomero.com