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Christian Moritz:
Mit 14 Jahren hast Du Dich mit Deinem ersten
Konzert einer größeren Öffentlichkeit präsentiert. Wann hast Du mit dem
Spielen angefangen, dass so ein frühes Debüt möglich war?
Wulfin Lieske: Es ging mit zehn
Jahren auf einer KLIRA-Gitarre los - ich hatte sie mit Alufolie beklebt,
Mirko hinein, am Grundig Tonbandgerät angeschlossen, voll ausgesteuert und
auf Aufnahme und Pause gedrückt: fertig war die E-Gitarre nebst Amp.!
C. M.: Bei wem hast Du damals
gelernt?
W. L.: Unterricht war zwar
wöchentlich aber marginal - war Autodidakt - mein Lieblingsstück meiner
Schule war die "Elegie" von Walter Götze.
C. M.: Wie verlief Deine
weitere Ausbildung?
W. L.: Ich kam früh zu meinem
späteren Hochschullehrer Prof. Karl-Heinz Böttner, der damals auch an der
Rheinischen Musikschule der Stadt Köln - zu dieser Zeit noch
Konservatorium - lehrte. Es folgte das Studium an der Musikhochschule in
Köln bei Böttner und später bei Hubert Käppel sowie Meisterkurse bei Oscar
Ghiglia, Jose Tómàs und John Williams.
C. M.: Unter Deinen
Lehrern finden sich u.a. auch das Amadeus-Quartett und der berühmte
Violinist Rudolf Kolisch, was für einen Gitarristen nicht unbedingt üblich
ist. Inwiefern hast Du von Deinen Studien bei diesen Musikern profitiert?
W. L.: Mich hat immer eine Sicht
auf die Gitarre interessiert, die von einem universalen Musikverständnis
ausgeht - sozusagen vom Grossen ins Kleine. Bei Kolisch ging es um die
Interpretation und Analyse der Neuen Wiener Schule, wir spielten
Schoenberg und Webern - für mich damals ein Kopfsprung ins kalte Wasser,
aber da gab es Ungeheures zu entdecken, das hat meinen Horizont enorm
geweitet. Sigmund Nissel vom AMADEUS Quartett fand großen Gefallen an
meinen gitarristischen Konsultationen - es kamen ja sonst fast nur
Quartette - und hatte sehr gute Ideen zur Gestaltung der Dynamik auf der
Gitarre.
C. M.: Neben dem
klassischen Repertoire hast Du dich auch immer der neuen und
experimentellen Musik gewidmet. Im Quartet "Extempore" und bei Deiner
Formation "Bronsky Ritual" spielst Du u.a. auch E-Gitarre. Hat Wulfin Lieske
auch eine Vergangenheit als Rockmusiker oder bietet die E-Gitarre
lediglich andere Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks?
W. L.: Die Vergangenheit als
E-Gitarrist ist schnell berichtet: es begann mit einer noname E-Gitarre
mit zwei Pickups und Vibrator..., dann folgten eine Gibson SG Kopie von
Hoyer als Leihgabe, dann das Original (gebraucht aber Eigentum - ich habe
sie heute noch) und eine Ibanez Halbresonanz Jazzgitarre (George Benson
Modell). Gespielt habe ich Rock, Rock-Jazz, Jazz, Free-Jazz, Avantgarde
und das Miserere von Arvo Pärt.
C. M.: Schon bei Deinem
Debüt-Konzert hast Du neben Kompositionen von Bach auch eigene Werke und
Improvisationen gespielt, was sich ja wie ein roter Faden durch Deine
Karriere zieht. Findest Du eine künstlerische Tätigkeit als ausschließlich
nachschaffender Künstler zu einseitig?
W. L.: Ja. Gerade vor einigen
Wochen spielte ich nach längerer Pause in Karlsruhe wieder ein Konzert mit dem afghanischen Perkussionisten Hakim Ludin - es war ein ganz
anderes Reagieren im Publikum als im Klassik-Recital - zum Glück waren wir
verstärkt! In Paris hatte ich vor vielen Jahren das unvergessliche
Erlebnis eines ebenfalls frei improvisierten Konzerts im legendären
Olympia mit der fantastischen Sopranistin und Komponistin Geraldine Ros,
die übrigens bei György Ligeti in Hamburg studierte und auch mein Werk
Taqsim geht auf Improvisationen zurück. Das spontane Erfinden von Musik
bringt Vergangenheit und Zukunft im Jetzt in höchster Potenz zueinander -
diese extreme Konzentration erzeugt eine einmalige Energie, die ich auch immer
wieder in der Interpretation suche - dort ist sie freilich durch die
Werkvorgabe kanalisiert und fordert eine totale Unterwerfung aus der aber
letztlich auch wieder im subjektiven Ausdruck Freiheit entsteht.
C. M.: Täuscht es oder gibt es
insgesamt wieder eine zunehmende Tendenz unter den Gitarristen selbst zu
komponieren?
W. L.: Ich habe auch den Eindruck
- vielleicht ist dies auch zum Teil der Prozess einer neuen
gitarristischen Identitätsbildung. En gros ist ja ein gewisser Rückgang
des Interesses an wirklich "neuer" Musik feststellbar, selbst die modernen
Klassiker von Britten bis Henze sind sozusagen abgespielt - aber auch sie
werden, wie auch Sor und Giuliani, wieder auftauchen. Leider igeln wir uns
damit auch wieder ein bisschen ein. Aber wenn dabei Gutes entsteht...
C. M.: In den letzten Jahren
haben Deine kompositorischen Aktivitäten zugenommen. Für die Expo 2000 in
Hannover hast Du das Oratorio "über den Wassern" geschrieben. Neben Deinem
Quartett Bronsky Ritual und dem Hilliard-Ensemble waren in die
Uraufführung auch die Performancekünstlerin Saadia und Lichtprojektionen
einbezogen. Glaubst Du, dass die traditionellen Formen des Konzerts
erschöpft sind und dass es häufiger eine Verschmelzung verschiedener
Kunstformen geben sollte? Gibt es diesbezüglich konkrete Ideen, die
Du in Zukunft realisieren möchtest?
W. L.: Mich hat immer die Idee
des Gesamtkunstwerkes fasziniert - auch in Zukunft wird es wieder Projekte
in dieser Richtung, vielleicht auch eine Oper, geben. Zur Zeit stehen aber
"normale" Kompositionsaufträge an, die aber ebenfalls sehr reizvoll sind:
z.B. ein Duetto für Hammerklavier und Gitarre. Ich glaube nicht, dass die
Form des traditionellen Konzertes erschöpft ist - Musik ist nun einmal zum
Hören da. Aber zugleich sind wir in einem sehr visuellen Zeitalter und
lechzen nach Reizen - ein Blick in VIVA und MTV genügt. Also warum nicht
Gutes tun...
C. M.: In Deinem Oeuvre findet
sich auch ein Gitarrenkonzert. Ist es schon uraufgeführt worden oder gibt
es gar eine Aufnahme?
W. L.: Das LUXOR Guitar Concerto
ist gerade abgeschlossen und wird vom Verlag zur Veröffentlichung
eingerichtet. Die Uraufführung wird in der Saison 05/06 sein.
C. M.: Gerade ist im Label "kreuzberg
records" Deine neue CD "Taqsim", eine Hommage auf die orientalische
Klangwelt der arabischen Oud erschienen. Kannst Du beschreiben, was den
Hörer erwartet?
W. L.: Ich möchte die CD ja nicht
überflüssig machen und zum Glück geht dies auch gar nicht. Aber immerhin
kann sich der Hörer auf etwas Unerhörtes einstellen. Es ist eine sakrales
und integrales Werk welches aus drei selbständigen "Taqasim" besteht. Die
Aufnahme entstand mit einer Gitarre von Manuel Ramírez aus dem Jahre 1912,
gestimmt auf 415 Hz, in einer geradezu byzantinischen Akustik einer
historischen Doppelkirche. Durch die Beschränkung auf ein
Kugelflächen-Mikrofon der Firma Schoeps entstand ein Live-Klang, der den
Hörer in den Raum hineinzoomt.
C. M.: Sind die hier
eingespielten Eigenkompositionen durchkomponierte Werke oder gibt es auch
improvisierte Teile?
W. L.: TAQSIM ist das einzige
meiner Werke welches nahezu ausschließlich aus einer permanenten
"Reinkarnation" von aufgezeichneten Improvisationen, wie Sedimente,
entstand. In der jetzigen Gestalt ist aber alles zu 95% festgelegt -
Freiheit liegt im Tempo und in der Gestaltung einiger Wiederholungen.
Trotzdem wirkt es nach wie vor wie eine eben perfekte Improvisation.
C. M.: Arbeitest Du mit
Präparierungen des Instruments um dem Klang der Oud nahe zu kommen?
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Notenbeispiel
Evocación aus Taqsim I
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W.L.: In der Tat verwende ich
für Taqsim II Elegie/Fragment eine Präparation (in Verbindung mit
Skordatur, Bottleneck, Filzschlegeln und Plektrum) - allerdings nicht um
die Oud zu imitieren, sondern um eine Art Urzupfinstrument zu schaffen,
fast im präkulturellen Raum (wenn es das gäbe). Es entsteht trotz einem
klaren Modus (besser das arabische "maqam") eine vagierende Intonation im
mikrotonalen Bereich.
Viel näher kommt die Gitarre der Oud im 2.
Satz von Taqsim I "Evocación" - eine Reminiszenz an den großen irakischen
Oud-Meister Muneir Bashir. Insgesamt geht es aber um einen
avantgardistischen und zugleich auch archaischen Klang, der allerdings vom
"romantischen" Wohlklang sehr weit entfernt ist. Der Klang ist hart und
sehr direkt, aber es gibt auch viel zartes Gespinst. Bald wird die
Notenausgabe erscheinen und der Gitarrist kann sich schon auf Tapping,
mikrotonale Naturflageoletts, Kuppentremolando, Slaps, gekreuzte Saiten
u.v.m. freuen. Aber eigentlich liegt alles ganz angenehm...
C. M.: Gibt es für Dich
bestimmte Quellen, aus denen Du Deine Inspiration für neue Werke beziehst?
W. L.: Jede Inspiration hat ihre
Quelle. Für mich ist zunächst die Klanglichkeit des Instruments
entscheidend: es soll ja gut klingen. Auch wenn es natürlich Werke mit
mehreren Besetzungsvarianten gibt, die meist nachträglich entstehen, so
muss der Geist oder ein Teil des Wesens des Instrumentes angesprochen, ja
geradezu mitkomponiert werden. Hier habe ich natürlich bei der Gitarre den
eigenen Vorteil, dass ich alles selbst ausprobieren kann.
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Notenbeispiel
Nymphéas d'après Claude Monet
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Ein Inspirationsbeispiel: Im letzten Jahr
realisierte ich z.B. einen Kompositionsauftrag für Gitarre zum Thema
"Wasser". Es ging in folgender Reihenfolge: Solowerk für Gitarre, ca. 10
min., Wasserthematik, Festlegung der Kompositionstechnik auf die von mir
für das Oratorio "Über den Wassern" entwickelte Humuskomposition -
basierend auf acht Tönen in einem periodischen vierstimmigen wellenartigen
Satz nach sehr strengen seriellen Auswahl- und Gestaltungsprinzipien. Nun
folgte die Inspiration scheinbar zufällig durch das Blättern in einem
Ausstellungskatalog über Claude Monet's Ölbilder, die in seinem Garten bei
Giverny entstanden: mich faszinierten die späten fast monochromen blauen
Seerosenbilder, ich wählte eines aus und übernahm die die Grobstruktur als
Formverlauf meines Werkes: Vordergrund mit Gras, Teich, Seerosenverbund
als Mittelteil und wieder Teich als Hintergrund. Das ganze aber nicht
deskriptiv sondern als Gleichnis von
Archetypen verstanden - kurzum die Durchsichtigkeit des Wassers, die
Spiegelung, die Verschlingung der Pflanzen: eine meditative Ekstase! Nach
20 Tagen war das Manuskript fertig, die Uraufführung folgte einen Monat
später. Titel: Nymphéas d'après Claude Monet.
C. M.: Wie sieht eigentlich ein
normaler Tagesablauf des Musikers Wulfin Lieske aus?
W. L.: Um 7 Uhr aufstehen,
Familienfrühstück, E-Mails lesen, drei Stunden üben bis zum Mittag,
nachmittags noch einmal zwei Stunden üben oder Business machen, manchmal
auch unterrichten, noch mal hinaus spazieren gehen, joggen oder
Erledigungen machen. Meist noch Telefonate erledigen. Abendessen, Family,
Bett - gutes Buch etc.
C. M.: Bist Du zufrieden mit
Deiner Situation als freischaffender Künstler oder bekommt man auch hier
die allgemein angespannte Wirtschaftslage zu spüren?
W. L.: There is no way not to
suffer...wer spürt sie nicht? Alles hat seinen Preis - auch die Freiheit.
Wir müssen alle hoffen, dass Kultur ein hohes Gut bleibt und dafür
kämpfen. Bei allem Geschäftssinn muss aber die Freude andere zu erfreuen
das Entscheidende leisten.
C. M.: Dein neuestes
Soloprogramm beinhaltet wieder einen interessanten Kontrast zwischen
Tradition und Moderne. Was für ein Repertoire spielst Du zur Zeit konkret
in Deinen Solokonzerten?
W. L.: Es gibt zwei
Hauptprogramme "Agua e Vinho" mit lateinamerikanischer Musik und aktuell
"Aires de la Guitarra" mit spanischer Musik, die ich gerade eingespielt habe
(übrigens auch mit der Manuel Ramírez). Die Auswahl spannt einen Bogen von
sehr populären Werken (z.B. Bonfa's Manha da Carneval) zu Raritäten wie
der Serenata Morisca von Ruperto Chapí. Dazu integriere ich als Kontrast
ein ganz neues Werk, meist ein eigenes, und manchmal als Antipode auch
etwas Altes - z.B. Milano oder Bach. Für 2005 bereite ich ein Programm mit
einem bedeutenden Originalinstrument des frühen 19. Jd. und seiner Epoche
vor. Das ist für mich sehr spannend, da ich die Zeit der nordalpinen
Klassik-Romantik bisher etwas stiefmütterlich behandelt habe und ich ich
nun voller Entdeckerfreude bin.
C. M.: Was sind Deine nächsten
Projekte und wo kann man Dich in naher Zukunft Live erleben?
W. L.: Für Juli stehen einige
Konzerte und eine CD-Produktion mit der Gitarren-Legende schlechthin, der
La Leona von Antonio Torres, an. Ich habe dieses auch innerhalb Torres'
Schaffen einzigartige Instrument zwar schon einmal gemeinsam mit sechs
anderen altspanischen Meistergitarren vorgestellt, aber nun soll sie ihr
ureigenstes Podest erhalten. Um die neuartige Universalität des
Torres'schen Instrumententyps zu demonstrieren gibt es Musik von Bach,
Milano, Sor, Tárrega und mein "Nymphéas". Danach wird es, wie schon
angedeutet, Solo- und Kammermusikprojekte in historischer
Aufführungspraxis aus der "goldenen Epoche der Gitarre" geben, mit
Künstlern wie den Dirigenten und Pianisten Christoph Hammer, Martin
Sandhoff (Traverso) oder dem Schuppanzigh-Quartett. Nicht zuletzt wird
einige Zeit in die Aufbereitung meiner Werke und Editionen zur
Verlagspublikation gehen, die die Arbeit einiger Jahre der
Öffentlichkeit zugänglich macht. Das nächste Konzert ist am 30.4. in
Hamburg - dort werde ich das Programm Aires de la Guitarra und Taqsim I
spielen.
Folgende Werke Wulfin Lieskes werden in
nächster Zeit im Verlag
Edition Margaux
erscheinen:
-
Nympheás d ’après Claude Monet 2000
für Gitarre solo
-
Taqsim I-III
zur gleichnamigen CD-Produktion
für Gitarre solo
-
Astoriana
Hommage à Astor Piazzolla
für zwei Gitarren
-
52stein Part I
“Vierstein Runs the Voodoo down ”
für vier Gitarren
Weiter Informationen:
www.wulfin-lieske.de
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