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Musikalische
Entdeckungsreise
Johannes Tonio Kreusch bei den Hamburger Gitarrentagen
(07. – 09.09 2007)
Von Peter Kuhz
Seitdem der Münchner
Gitarrist Johannes Tonio Kreusch, der von der Fachpresse als „einer der
kreativsten Klassikgitarristen der Gegenwart“ bezeichnet wird, im April
2003 mit seinem erfolgreichen Konzert und Seminar den Beginn der seither
jährlich stattfindenden Hamburger Gitarrentage markiert hat, ist
er in Hamburg ein gern gesehener Gast und beliebter Workshopdozent. So
hatte Christian Moritz, Veranstalter der Gitarrentage und selbst als
Gitarrist, Gitarrenlehrer und Autor des Internetportals
GitarreHamburg.de tätig, auch in diesem Jahr wieder
ein Konzert und einen Workshop mit Johannes Tonio Kreusch organisiert.
Schon zu Beginn seines
Konzertes wird deutlich, dass es sich bei Johannes Tonio Kreusch nicht
um einen Künstler handelt, der ausgetretene Pfade betritt, sondern der
seine Zuhörer mit auf eine musikalische Entdeckungsreise
nehmen möchte. Kreuschs Konzert beginnt mit dem Moment, in dem sich die
Türe zum Backstage-Raum öffnet und er mit zarten, filigranen
Klangmalereien den Konzertsaal betritt und damit, noch ehe er die Bühne
erreicht hat, das Publikum in seinen Bann zieht. Seine anschließenden
Begrüßungsworte lässt er hineinfließen in die improvisierte
Eingangsmusik, die er selbst als „Klang-Einatmen“ bezeichnet. Mit ihr
ertastet er nicht nur den Klangraum des jeweiligen Konzertsaales,
sondern stellt gleich zu Beginn auch eine sehr persönliche Verbindung
zum Publikum her.
Die Unmittelbarkeit der
Improvisation und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten, schöpferisch
aus dem Augenblick zu gestalten, haben für Johannes Tonio Kreusch große
Bedeutung. Gleichzeitig ist er aber auch ein Musiker, der sich einem
auskomponierten Notentext mit größtmöglicher Genauigkeit und Achtung
nähert. Zum Studium eines Werkes gehört für ihn daher auch, alle Quellen
zu untersuchen und die Komposition damit bis ins letzte Detail verstehen
zu lernen. Werke des Barock und der Lateinamerikanischen Moderne, deren
Ursprung oft in der Improvisation liegt, bilden Schwerpunkte seines
Repertoires. Kreuschs einzigartige Einspielungen, beispielsweise der
Lautensuite in e-Moll von J. S. Bach (BWV 996), genießen weltweite
Anerkennung. Gleiches gilt für seine Aufnahmen der Kompositionen von
Heitor Villa-Lobos, die von der Presse als „neue Referenzeinspielung
seit den Aufnahmen von Julian Bream und Narciso Yepes“ bezeichnet
wurden. In der akribischen Auseinandersetzung mit Villa-Lobos´
Originalhandschriften hat er neben nicht veröffentlichten Passagen und
fehlerhaften musikalischen Wendungen auch viele Feinheiten und
Variationen entdeckt, die völlig neue Interpretationsmöglichkeiten
zulassen und in den heute bisher erhältlichen Ausgaben verloren gegangen
sind. Durch diese neuen harmonischen, melodischen und
interpretatorischen Ideen wird auch Villa-Lobos’ unmittelbare, von der
Improvisation geprägte, musikalische Herangehensweise deutlich. So hat
Villa-Lobos seine Werke immer wieder überarbeitet und neue Klangideen
geschaffen.
Diese
kompositorische Auffassung als verbindendes Element lieferte dann auch
die Grundlage der Programmauswahl für das Hamburger Konzert, in dem
Johannes Tonio Kreusch seine eigene Musik Werken von Villa-Lobos
gegenüberstellte. Auf faszinierende Weise entführte Kreusch seine
Zuhörer in eine Welt jenseits von Hektik, Leistungsorientiertheit und
Materialismus. So zum Beispiel mit seinem aus der Improvisation
entstandenen Kompositionszyklus „Crystallization“. Die überragende
Virtuosität seines Spiels steht ausschließlich im Dienste der Musik und
nie der Selbstdarstellung. Größten Wert legt Kreusch auf eine reiche
Klangfarbengestaltung, die sein Spiel lebendig und abwechslungsreich
hält. In seinen eigenen Werken erweitert er häufig die Klangräume der
Gitarre, in dem er Präparationen und unterschiedliche Scordaturen
(Saitenstimmungen) einsetzt. Von Villa-Lobos erklangen die
Manuskriptversionen der Präludien und einiger Etüden, welche für die
Gitarrenwelt zum Standardrepertoire gehören aber durch die ungewöhnliche
Herangehensweise Kreuschs in einem neuen Licht erschienen. Vermutlich
niemand aus dem Publikum kannte wohl das erst kürzlich wieder entdeckte
Valse-Chôro" (nicht zu verwechseln mit dem "Valsa-Chôro" – aus der
"Suite populaire brésilienne“). Hier handelt es sich um ein spannendes
neues Gitarrenwerk voller überraschender Wendungen, das zu den Perlen
der Gitarrenkompositionen des Heitor Villa-Lobos zählen dürfte. Als
Zugaben gab es dann noch zwei Transkriptionen, die trotzdem zu den
„Klassikern“ der Gitarrenmusik gehören: Zunächst die von Kreusch durch
Einsatz der Campanella-Technik so aufregend anders als gewohnt klingende
Allemande aus der e-Moll-Suite von J. S. Bach und, als der Applaus nicht
enden wollte, Isaac Albéniz´ bekanntes Asturias, das der Ausnahmemusiker
temperamentvoll und leichtfüßig in ebenso vollendeter Weise
interpretierte.
Erwartungsgemäß war auch
das für die beiden Folgetage angesetzte Seminar voll ausgebucht. Zu
Beginn jedes Seminartages standen Ensemble- und Improvisationsarbeit auf
dem Programm. Dies gab den Kursteilnehmern auch die Möglichkeit, sich
näher zu begegnen und aufeinander zuzugehen. Während der anfänglichen
Arbeit an einem Bach-Choral wurde deutlich, wie wichtig die Kammermusik
für Johannes Tonio Kreusch ist: das aufeinander Hören, das Ausloten der
klanglichen Möglichkeiten, die ein Ensemble bietet, das Umsetzen dessen,
was in einer Komposition liegt – all´ dies sind für ihn wichtige
Elemente eines gegründeten gemeinsamen Musizierens. Beim Improvisieren
ohne Noten und harmonische Vorgaben stand das miteinander Kommunizieren
lernen im Mittelpunkt der musikalischen Arbeit. Trotz der relativ
kurzen Probenzeit erreichte das Seminarensemble bald einen erstaunlich
warmen und homogen atmenden Zusammenklang und vermochte einiges an
gestalterischem Potential umzusetzen.
Anschließend folgten die
Einzelunterrichtsstunden. Wer gerade nicht selbst unterrichtet wurde,
konnte dem Unterricht beiwohnen oder sich in einen der weiteren zur
Verfügung stehenden Räume zurückziehen, um allein zu proben oder mit
anderen zu musizieren. Mit der gleichen Genauigkeit,
Aufmerksamkeit und Tiefe, mit der Johannes Tonio Kreusch musiziert,
Musik einstudiert und probt, widmet er sich auch seinen Schülern. Als
Kreusch-Schüler sollte man schon ausgeschlafen sein, um die nötige
Aufmerksamkeit, für das, was er zu vermitteln hat, mitbringen zu können.
Niemals entsteht jedoch Leistungsstress, nie stellt Kreusch sich über
seine Schüler oder vertritt festgefahrene Dogmen. Wie vermeidet
man die Rutschgeräusche während der ständigen Lagenwechsel in der 1.
Etüde von Villa-Lobos, ohne auf fließende Legato-Übergänge verzichten zu
müssen? Wie erreicht man einen Tirando-Anschlag, der genauso warm und
kraftvoll klingt wie ein Apoyando? Welche spieltechnischen Möglichkeiten
gibt es, die reichhaltigen Verzierungstechniken des Barock auf der
Gitarre umzusetzen? So lauteten einige Fragestellungen, die sich im
Unterricht ergaben. Kreuschs Lösungsvorschläge konnten von den
Teilnehmern häufig überraschend schnell umgesetzt werden.
Zur Freude vieler gab es
die Möglichkeit, eines der druckfrischen Exemplare des vor kurzem
erschienenen Heftes mit 12 seiner Etüden zu erwerben. Neben didaktischen
Erläuterungen enthält das Heft auch eine CD, die die kurzen aber so gar
nicht nach Übungswerken klingenden Kompositionen von Kreusch selbst
eingespielt enthält. Das Etüdenheft kann unter
info@johannestoniokreusch.com
bestellt werden.
Wegen
der übergroßen Teilnehmerzahl endete das Seminar am Sonntag nicht wie
angesetzt um 16:00 Uhr sondern erst gegen 21:30, was allen ein wenig
planerische Flexibilität abverlangte. Einige Teilnehmer hatten noch
viele hundert Kilometer Heimweg vor sich und mussten entsprechend früh
aufbrechen. In den herzlichen Verabschiedungsszenen, die sich über den
Nachmittag bis zum Abend verteilten, spiegelte sich die äußerst
fruchtbare Arbeit und angenehme Atmosphäre der vergangenen Tage wider.
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