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"Geist und Materie sind zwei Kräfte, die sich für die Erschaffung
von Kunst vereinen müssen. Dabei wird die Materie vergeistigt, und der
Geist erhält eine konkrete Form. Die Kunst gehört in das Reich des
Geistes; die Technik in den Bereich des Verstandes. Aus der Vereinigung
dieser beiden Elemente entsteht das Kunstwerk, als wahre vom Menschen
geschaffene Symbiose." Abel Carlevaro
(1916-2001)
Der
aus Uruguay stammende Gitarrist, Komponist und Gitarrenpädagoge Abel
Carlevaro hat die Gitarristik der Gegenwart in entscheidender Weise
beeinflusst. Als ambitionierter Gitarrist wird man sich früher oder später
sicher mit der methodischen Hinterlassenschaft Carlevaros auseinandersetzen.
Das vorliegende Buch ist die deutsche Übersetzung seiner erstmals 1979
erschienen "Escuela de la Guitarra: Expositión de la Theoría
Instrumental". Hierin beschreibt er in äußerst detaillierter Weise
die von ihm entwickelte Theorie der Gitarre, wie er sie weltweit in seinen
unzähligen Meisterkursen und Unterrichtsstunden weitergegeben hat.
Eine große Zahl international anerkannter Gitarristen verdanken ihr Können
nicht zuletzt der Methode und dem Unterricht Carlevaros. Die Aufzeichnungen
basieren auf einer Reihe von Vorträgen, die Abel Carlevaro seinem Schüler
und Freund Alfredo Escande diktiert hat. Die Erläuterungen beziehen sich
insbesondere auf seine in vier Bänden erschienenen "SERIA DIDACTICA
PARA GUITARRA".
"Dieses Buch versucht, eine Lösung für die komplexen Probleme zu
finden, die mit der instrumentalen Mechanik und dem lebendigen musikalischen
Gestalten verbunden sind. Ihre Verbindung muss so eng und subtil sein, dass
nicht erkennbar ist, wo das eine beginnt und das andere endet, denn beide
streben zum gleichen Ziel. Um dies jedoch zu verwirklichen, benötigt man
vorher eine gewisse Zeit, eine Zeit des Lernens, um das Aufgenommene dann in
ein lebendiges musikalisches Produkt zu verwandeln."
In
diesem Zitat aus dem Vorwort konzentriert sich das Besondere an Carlevaros
gitarristischem Ansatz. Obwohl er einzelne Aspekte wie Körperhaltung,
Haltung des Instruments, Haltung der Hände, Anschlagsbewegung der einzelnen
Finger, Tongebung, Nagelform, Dynamik, Klangfarbe usw. fast mikroskopisch
genau analysiert und in seine kleinsten Teile zerlegt und darstellt, zeigt
er auf, wie sich die einzelnen Parameter gegenseitig beeinflussen und auf
das spätere Ergebnis - den musikalischen Vortrag - auswirken.
Die
Basis von Carlevaros Methode ist die Einbeziehung des gesamten Körpers in
seine instrumentale Theorie, die auf seinen Beobachtungen der natürlichen
Bewegungsabläufe beruht. Hierbei führt er alles auf seine elementarsten
Details zurück. Das beginnt schon im ersten Kapitel "Das Halten der
Gitarre". Minutiös beschreibt Carlevaro wie der Gitarrist eine
"Position des stabilen Gleichgewichts" erlangen kann. Schon hierin
gibt es auch den ersten großen Unterschied zu herkömmlichen Methoden. Während
die meisten klassischen Gitarristen eine Haltung einnehmen, bei der beide Füße
nach vorne gesetzt werden, ist Carlevaro der Überzeugung, dass zur
Erlangung eines stabilen Gleichgewichts der rechte Fuß nach hinten gesetzt
werde sollte und begründet dies eingehend. In den folgenden Kapiteln wird
die Aufmerksamkeit dann auf alle nur erdenklichen Bewegungsabläufe gelenkt,
denen der Gitarrist bei der Interpretation eines Werkes begegnen kann. Im
Vordergrund steht immer das Ziel, einen musikalischen Inhalt durch die
Entwicklung der hierfür notwendigen Spieltechnik wiedergeben zu können.
Auch
für beide Hände ergeben sich in Carlevaros System grundlegende
Unterschiede. Wird er nicht zur Artikulation (Glissando, Portamento) benötigt,
wird beim Lagenwechsel komplett auf einen Führungsfinger verzichtet. Die
notwendige Bewegung wird nur durch den linken Arm ausgeführt. Der angelegte
Anschlag verliert bei Carlevaro seine Daseinsberechtigung. Die Spieltechnik
der rechten Hand wird vom Prinzip des Impulses und der geistigen Vorwegnahme
des Gegenimpulses dominiert. Die Erzeugung unterschiedlicher Klangfarben
erfolgt nicht durch bloße Registerwechsel, sondern durch eine sehr bewusste
Differenzierung des Anschlagswinkels. Dynamische Abstufungen werden durch
den bewussten Einsatz der Muskelmasse, der sogenannten
"Fixierung", erzeugt. Hier auf alle Besonderheiten des
Carlevaro-Konzepts einzugehen würde den Rahmen einer Buchvorstellung
sprengen, denn es lässt kein Thema des Gitarrenspiels unberührt.
Alle
Ausführungen werden mit anschaulichen Fotos und Zeichnungen abgerundet. Im
Anhang findet man zudem ein Stichwortverzeichnis, eine Konkordanz wichtiger
Begriffe und Definitionen.
Wie
alle großen Innovatoren hat Abel Carlevaro natürlich auch entschiedene
Kritiker. Manch einer mag ihm Pseudowissenschaftlichkeit, mangelnde
Flexibilität oder gar Zwanghaftigkeit vorwerfen. Im Methodikunterricht von
Hochschulen wird das Werk Carlevaros in Zukunft allerdings, neben den
klassischen Standardwerken, einen festen Platz erhalten. Jedem der sich
ernsthaft mit der Gitarre auseinandersetzt oder gar Gitarrenunterricht gibt,
sei die Auseinandersetzung mit Carlevaros Hinterlassenschaft und die Lektüre
der "Schule der Gitarre" ans Herz gelegt. Auch wenn man nicht die
Philosophien und Überzeugungen des Autors übernehmen möchte, kann man
doch von einer Fülle von Anregungen profitieren. Zudem kann auch die
Abgrenzung zu Carlevaros umfangreicher instrumentaler Theorie und die damit
verbundene intensive Reflexion des eigenen Spiels sehr positive Effekte
haben.
Fast
überflüssig zu erwähnen, das die "Schule der Gitarre" für die
Anhänger von Carlevaros Konzept selbstverständlich das Referenzwerk sein
wird .
"Ich
habe den Weg von Abel Carlevaros künstlerischem und pädagogischen Leben
bewundert. Heute ist er ein gefeierter Maestro, ein bewunderter Virtuose und
ein anerkannter Komponist." - Andres Segovia (1893-1987)
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